Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung ist Ihr „Haartyp“ keine statische Eigenschaft, sondern ein dynamischer Zustand. Die wahre Ursache für Ihre Frustration bei der Haarpflege liegt nicht im falschen Produkt für Ihren Typ, sondern im Unvermögen, die spezifischen Signale Ihres Haares zu deuten. Dieser Leitfaden befähigt Sie, zum Diagnostiker für Ihr eigenes Haar zu werden, indem Sie lernen, seinen tatsächlichen Bedarf an Feuchtigkeit oder Protein zu erkennen, seine Porosität zu verstehen und externe Faktoren wie die Wasserhärte in Deutschland zu berücksichtigen.

Sie stehen vor einem Regal voller Haarpflegeprodukte, jedes verspricht die ultimative Lösung für „trockenes“, „fettiges“ oder „strapaziertes“ Haar. Sie greifen zu der Flasche, die Ihren vermeintlichen Haartyp anspricht, doch zu Hause stellt sich die Enttäuschung ein: Das Haar fühlt sich immer noch nicht richtig an. Es ist entweder beschwert, weiterhin trocken oder sogar beides gleichzeitig. Diese Erfahrung ist frustrierend und teuer, und sie basiert auf einem fundamentalen Missverständnis, das die Kosmetikindustrie seit Jahrzehnten fördert: der Idee eines festen, unveränderlichen Haartyps.

Die Wahrheit ist, dass Ihr Haar eine eigene Sprache spricht. Es sendet ständig Signale über seine aktuellen, dynamischen Bedürfnisse aus. Diese Bedürfnisse ändern sich mit den Jahreszeiten, Ihrem Stresslevel, Ihrer Ernährung und sogar mit dem Wasser, das aus Ihrer Leitung kommt. Ein als „trocken“ diagnostiziertes Haar leidet vielleicht nicht unter allgemeinem Feuchtigkeitsmangel, sondern unter einem spezifischen Proteinmangel, der mit einer Feuchtigkeitskur nur noch verschlimmert wird. Oder es hat eine geringe Porosität, was bedeutet, dass die teuersten Öle und Kuren gar nicht erst in die Haarstruktur eindringen können, sondern nur an der Oberfläche liegen bleiben.

Dieser Artikel bricht mit dem starren Konzept der Haartypen. Stattdessen agiere ich als Ihr persönlicher „Haar-Flüsterer“ und führe Sie in die Kunst der Haar-Diagnose ein. Sie werden lernen, die entscheidenden Tests selbst durchzuführen und die Signale Ihres Haares zu entschlüsseln. Mein Ziel ist es, Sie zu befähigen, eine Pflegeroutine zu entwickeln, die nicht auf Marketingversprechen, sondern auf der tatsächlichen, von Ihnen selbst diagnostizierten Verfassung Ihres Haares basiert. Sie werden vom passiven Konsumenten zum aktiven Experten für Ihr eigenes Haar.

Um diese Reise zur massgeschneiderten Haarpflege zu beginnen, werden wir die wichtigsten diagnostischen Aspekte Schritt für Schritt durchgehen. Der folgende Leitfaden bietet Ihnen die Werkzeuge und das Wissen, um die Bedürfnisse Ihres Haares präzise zu analysieren und endlich die richtigen Entscheidungen für seine Gesundheit und Schönheit zu treffen.

Der Wasserglas-Test: Bestimmen Sie die Porosität Ihrer Haare und verstehen Sie endlich, warum Produkte nicht wirken

Die Porosität ist vielleicht die wichtigste, aber am häufigsten ignorierte Eigenschaft Ihres Haares. Sie beschreibt, wie leicht das Haar Feuchtigkeit und Pflegeprodukte aufnehmen und halten kann. Stellen Sie sich die äussere Schuppenschicht Ihres Haares wie Tannenzapfen vor. Bei geringer Porosität sind die Schuppen fest geschlossen, was es schwer macht, Feuchtigkeit aufzunehmen. Bei hoher Porosität stehen die Schuppen weit offen, wodurch Feuchtigkeit schnell eindringt, aber genauso schnell wieder entweicht. Produkte, die auf der Oberfläche eines Haares mit geringer Porosität „sitzen“, sind ein klassisches Symptom für eine falsch abgestimmte Pflege.

Ein oft empfohlener Schnelltest ist der Wasserglas-Test, bei dem ein Haar in ein Glas Wasser gelegt wird. Doch Experten warnen vor der Unzuverlässigkeit dieser Methode. Produktrückstände, Öle oder sogar die Oberflächenspannung des Wassers können das Ergebnis verfälschen und zu einer falschen Diagnose führen. Ein scheinbar „schnelles Sinken“ (hohe Porosität) kann schlicht durch Reste eines schweren Stylingprodukts verursacht werden.

Makroaufnahme eines Tannenzapfens mit Wassertropfen zeigt Porosität-Prinzip

Zuverlässigere Methoden zur Bestimmung der Porosität basieren auf genauer Beobachtung im Alltag:

  • Der Absorptions-Test: Sprühen Sie eine saubere Haarsträhne mit Wasser ein. Perlt das Wasser lange ab, haben Sie wahrscheinlich eine geringe Porosität. Zieht es sofort ein, deutet dies auf eine hohe Porosität hin.
  • Der Trocknungszeit-Test: Wie lange braucht Ihr Haar an der Luft, um vollständig zu trocknen? Eine sehr lange Trockenzeit von über fünf Stunden ist ein starkes Indiz für geringe Porosität, da das Wasser schwer entweichen kann. Trocknet Ihr Haar in ein bis zwei Stunden, haben Sie wahrscheinlich hohe Porosität.

Die Kenntnis Ihrer Porosität ist der erste entscheidende Schritt der Haar-Diagnose. Sie erklärt, warum leichte Sprays für Ihr Haar besser sein könnten als schwere Cremes, oder warum eine regelmässige Tiefenpflege für Sie unerlässlich ist, um Feuchtigkeit zu speichern.

Feuchtigkeit oder Protein? Ein einfacher Dehnungstest verrät, was Ihr Haar wirklich hungrig macht

Das zweite grosse Mysterium der Haarpflege ist die Balance zwischen Feuchtigkeit und Protein. Beide sind für gesundes Haar unerlässlich, aber ein Ungleichgewicht führt zu Problemen, die oft fälschlicherweise als „trockenes“ oder „brüchiges“ Haar abgetan werden. Feuchtigkeit (Moisture) sorgt für Elastizität und Geschmeidigkeit, während Proteine (wie Keratin) die Bausteine sind, die dem Haar Struktur und Stärke verleihen. Ein Mangel an einem von beiden führt zu spezifischen Symptomen, die Sie lernen können zu deuten.

Ein einfacher, aber effektiver diagnostischer Griff ist der Dehnungstest (oder Elastizitätstest). Nehmen Sie ein einzelnes, nasses Haar (das natürlich ausgefallen ist) und ziehen Sie es vorsichtig an beiden Enden auseinander. Beobachten Sie die Reaktion:

  • Das Haar dehnt sich stark, fühlt sich fast wie ein Gummiband an und bricht nicht sofort: Dies ist ein Zeichen für einen Proteinmangel. Das Haar hat genug Feuchtigkeit, aber ihm fehlt die stützende Struktur. Es fühlt sich oft weich, fast breiig an und hält kein Styling.
  • Das Haar dehnt sich kaum und bricht fast sofort: Dies deutet auf einen Feuchtigkeitsmangel hin. Dem Haar fehlt die nötige Elastizität. Es fühlt sich oft rau, spröde und strohig an.
  • Das Haar dehnt sich leicht (etwa 30 % seiner Länge) und federt dann in seinen ursprünglichen Zustand zurück: Herzlichen Glückwunsch, Ihr Haar hat eine gesunde Balance.

Wenn Sie einen Mangel diagnostiziert haben, können Sie gezielt Produkte auswählen. Doch Vorsicht: Marketing-Begriffe wie „Repair“ oder „Hydra“ sind oft ungenau. Der wahre Hinweis liegt in der INCI-Liste der Inhaltsstoffe.

INCI-Bezeichnungen: Proteine vs. Feuchtigkeit
Protein-Inhaltsstoffe Feuchtigkeits-Inhaltsstoffe Wirkung
Hydrolyzed Wheat Protein Glycerin Panthenol hilft, Feuchtigkeit im Haar zu sichern
Keratin Aloe Barbadensis Leaf Juice Keratin hilft, das Haar zu stärken und zu reparieren
Kollagen Panthenol Strukturaufbau vs. Feuchtigkeitsspeicherung

Gesundes Haar beginnt an der Wurzel: Eine Anleitung zur Diagnose und Pflege Ihrer Kopfhaut

Wir neigen dazu, uns auf die Haarlängen zu konzentrieren, doch die wahre Quelle für gesundes Haar liegt in der Kopfhaut – dem „Boden“, aus dem es wächst. Eine unausgeglichene Kopfhaut kann zu Schuppen, Juckreiz, übermässiger Fettproduktion oder sogar Haarausfall führen. Diese Probleme sind weit verbreitet; in Deutschland leiden laut einer Analyse von Dr. Christian Greis zeitweise 30% der Frauen und 20% der Männer an schuppender Kopfhaut.

Ein entscheidender Faktor für die Gesundheit der Kopfhaut ist ihr Mikrobiom, eine komplexe Gemeinschaft aus Bakterien und Hefepilzen. Normalerweise leben Organismen wie Cutibacterium acnes und Malassezia-Hefen in einem friedlichen Gleichgewicht. Gerät dieses Gleichgewicht jedoch aus den Fugen – oft durch Stress, falsche Pflege oder aggressive Produkte – kann sich beispielsweise der Hefepilz Malassezia übermässig vermehren und Schuppen auslösen. Das Ziel ist also nicht, die Kopfhaut „klinisch rein“ zu bekommen, sondern dieses natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen und zu erhalten.

Wie Dr. Christian Greis auf dem Symposium DERM Frankenthal 2022 betonte, ist die Dysbiose ein zentraler Faktor bei Hauterkrankungen:

Das Mikrobiom spielt eine entscheidende Rolle in der Entstehung der Pityriasis capitis. Faktoren wie Genetik, Lebensstil und die Einnahme von Antibiotika können das Mikrobiom der Haut beeinflussen und zu einer Dysbiose führen. Eine Störung des bakteriellen Gleichgewichts kann zur Entstehung dermatologischer Erkrankungen wie einer Pityriasis capitis beitragen

– Dr. Christian Greis, Symposium DERM Frankenthal 2022

Für Ihre eigene Diagnose, beobachten Sie Ihre Kopfhaut genau: Ist sie gerötet und juckt sie (Zeichen für Irritation)? Spannt sie nach der Wäsche (Zeichen für Trockenheit)? Oder fettet sie innerhalb eines Tages stark nach (Zeichen für eine Überproduktion von Talg, oft eine Reaktion auf zu aggressive Reinigung)? Behandeln Sie Ihre Kopfhaut wie die Haut Ihres Gesichts: Sie benötigt eine sanfte, aber gründliche Reinigung und gezielte Pflege, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Der Kalk-Effekt: Wie hartes Wasser aus der Leitung Ihr Haar stumpf und spröde macht – und was Sie tun können

Sie pflegen Ihr Haar sorgfältig, doch es bleibt stumpf, trocken und schwer frisierbar? Der unsichtbare Übeltäter könnte direkt aus Ihrer Wasserleitung kommen: hartes, kalkhaltiges Wasser. Hartes Wasser enthält hohe Konzentrationen an Mineralien wie Kalzium und Magnesium. Diese lagern sich bei jeder Wäsche auf der Haaroberfläche ab, bilden einen matten Film, verhindern das richtige Aufschäumen von Shampoos und blockieren die Aufnahme von Pflegestoffen. Das Ergebnis ist sprödes, glanzloses Haar, das sich trotz bester Produkte „belegt“ anfühlt.

Dieses Problem ist in Deutschland weit verbreitet und geografisch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Eine Auswertung von Aqon Pure zeigt, dass viele Grossstädte stark betroffen sind: So führt Berlin mit bis zu 23,9 °dH, gefolgt von Frankfurt am Main und München mit Werten um 19 °dH. Ein Wert über 14 °dH gilt bereits als „hart“. Wenn Sie in einer dieser Regionen leben, ist der „Kalk-Effekt“ ein wesentlicher Faktor Ihrer Haarpflege-Diagnose.

Glücklicherweise sind Sie diesem Effekt nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt wirksame Strategien, um die Auswirkungen von hartem Wasser zu neutralisieren:

  • Die saure Rinse: Eine Spülung mit verdünntem Apfelessig (ca. 2 Esslöffel auf 1 Liter kaltes Wasser) nach der Haarwäsche ist eine klassische und effektive Methode. Die Säure löst die Mineralablagerungen, schliesst die Schuppenschicht und verleiht dem Haar sofort mehr Glanz.
  • Chelatbildende Shampoos: Suchen Sie nach „Clarifying“ oder „Detox“ Shampoos, die Inhaltsstoffe enthalten, die Mineralien binden und ausspülen (z. B. Tetrasodium EDTA). Diese sollten jedoch nur gelegentlich (z. B. 1-2 Mal pro Monat) verwendet werden, da sie austrocknend wirken können.
  • Installation eines Duschfilters: Die direkteste Lösung ist ein Filter, der am Duschkopf angebracht wird und den Kalkgehalt des Wassers reduziert. Dies ist eine Investition, die sich nicht nur für Ihr Haar, sondern auch für Ihre Haut lohnt.

Die Berücksichtigung der Wasserhärte ist ein entscheidender Aspekt der fortgeschrittenen Haar-Diagnose, der oft übersehen wird. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie externe Faktoren Ihre Routine beeinflussen.

Werden Sie zum Haar-Detektiv: Wie ein einfaches Tagebuch Ihnen hilft, Ihre perfekte Routine zu finden

Nachdem Sie nun die grundlegenden diagnostischen Werkzeuge – Porosität, Protein-Feuchtigkeits-Balance, Kopfhautzustand und Wasserhärte – kennengelernt haben, kommt der entscheidende Schritt: die Synthese. Die perfekte Routine ist keine einmalige Entdeckung, sondern ein kontinuierlicher Prozess der Beobachtung und Anpassung. Das mächtigste Werkzeug dafür ist ein Haarpflege-Tagebuch. Es mag zunächst aufwendig klingen, ist aber der effektivste Weg, um Muster zu erkennen und die wahren Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu verstehen.

Ihr Tagebuch hilft Ihnen, über die täglichen Schwankungen hinauszublicken und langfristige Trends zu identifizieren. Dokumentieren Sie nicht nur, welche Produkte Sie verwenden, sondern auch, wie Ihr Haar an diesem Tag aussah und sich anfühlte. Notieren Sie auch externe Faktoren, denn Ihr Haar reagiert sensibel auf Ihre gesamte Lebensweise.

Eine gute Struktur für Ihr Tagebuch könnte folgende Punkte umfassen:

  • Datum und Waschtag: Notieren Sie den Tag der Haarwäsche und die verwendeten Produkte (Shampoo, Spülung, Kur, Leave-in).
  • Styling: Welche Stylingprodukte und -methoden (Lufttrocknen, Föhnen, etc.) haben Sie genutzt?
  • Zustandsbewertung: Bewerten Sie auf einer Skala von 1-5 Aspekte wie Glanz, Geschmeidigkeit, Frizz, Volumen und Griffigkeit. Wichtig ist, Ansatz und Spitzen getrennt zu betrachten.
  • Externe Faktoren: Notieren Sie besondere Einflüsse wie hohe Luftfeuchtigkeit (laut Wetter-App), Stresslevel, Zyklustag oder besondere Ernährungsgewohnheiten.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der methodischen Herangehensweise. Wie Haarpflege-Experten empfehlen, sollten Sie immer nur eine einzige Sache in Ihrer Routine auf einmal ändern und die Auswirkungen über mindestens zwei bis drei Haarwäschen beobachten. Wenn Sie Shampoo, Spülung und Stylingcreme gleichzeitig austauschen, werden Sie nie wissen, welche Komponente die positive (oder negative) Veränderung bewirkt hat. Dieses Tagebuch ist Ihr persönliches Laborbuch auf dem Weg zu konstant schönem Haar.

Hauttyp vs. Hautzustand: Warum Ihre „trockene“ Haut manchmal plötzlich ölig ist

Um das Konzept der dynamischen Haarbedürfnisse zu verinnerlichen, hilft eine Analogie zur Hautpflege, einem Bereich, für den in Deutschland ein enormes Bewusstsein herrscht. Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse 2024 haben 17,19 Millionen Personen besonderes Interesse an Haut- und Körperpflege. In der Hautpflege hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass man zwischen dem genetisch bedingten, eher statischen Hauttyp (z.B. trockene, ölige oder Mischhaut) und dem temporären, veränderlichen Hautzustand (z.B. dehydriert, irritiert, unrein) unterscheiden muss.

Ihre Haut kann von Natur aus ölig sein (Hauttyp), aber durch trockene Heizungsluft im Winter stark dehydriert werden (Hautzustand). Eine reichhaltige Creme für „trockene Haut“ würde in diesem Fall die Poren verstopfen. Stattdessen wäre ein leichtes, feuchtigkeitsspendendes Serum die richtige Wahl. Genau dieses Prinzip gilt auch für Ihr Haar. Ihr Haar hat vielleicht eine feine Struktur (Haartyp), kann aber durch Blondierung einen akuten Proteinmangel aufweisen (Haarzustand). Oder es hat eine dicke Struktur, ist aber durch kalkhaltiges Wasser stumpf und belegt.

Diese Unterscheidung ist besonders im deutschen Klima relevant, wo die Bedingungen stark schwanken. Trockene Heizungsluft im Winter entzieht dem Haar Feuchtigkeit, während die hohe Luftfeuchtigkeit im Sommer zu Frizz führen kann. Ihr Haar hat im Januar logischerweise andere Bedürfnisse als im Juli. Eine starre Routine, die auf einem vermeintlichen „Haartyp“ basiert, ist daher zum Scheitern verurteilt. Die Kunst besteht darin, Ihre Basis-Routine an den aktuellen Zustand Ihres Haares anzupassen. An einem schwülen Tag benötigen Sie vielleicht ein Produkt mit Anti-Frizz-Wirkung, während Sie im Winter eine reichhaltigere Feuchtigkeitspflege integrieren müssen.

Hören Sie auf, Ihr Haar in eine Schublade zu stecken. Betrachten Sie es als lebendiges Organ, das auf seine Umgebung reagiert. Diese Perspektivänderung vom statischen Typ zum dynamischen Zustand ist der grösste Hebel für eine erfolgreiche und frustfreie Haarpflege.

Die Kunst der richtigen Wäsche: Wie Sie Ihre Kopfhaut reinigen, ohne die Talgproduktion anzuregen

Die Haarwäsche scheint trivial, doch hier werden die häufigsten Fehler gemacht, die das empfindliche Gleichgewicht der Kopfhaut stören. Eine zu aggressive Reinigung mit harschen Sulfaten und heissem Wasser kann die Kopfhaut ihrer natürlichen Öle berauben. Die Talgdrüsen reagieren darauf mit einer Überproduktion, um den Verlust auszugleichen – ein Teufelskreis, der zu einem „fettigen Ansatz und trockenen Spitzen“ führt. Die Häufigkeit der Wäsche ist dabei sehr individuell; Daten von YouGov zeigen, dass sich 57 Prozent der Deutschen mindestens drei Mal pro Woche die Haare waschen, was bei falscher Technik zu Problemen führen kann.

Der Schlüssel liegt in der Technik: Reinigen Sie die Kopfhaut, pflegen Sie die Längen. Das Shampoo ist primär für die Kopfhaut da. Massieren Sie es sanft mit den Fingerkuppen (nie mit den Fingernägeln!) ein, um Schmutz, Talg und Produktrückstände zu lösen. Der Schaum, der beim Ausspülen über die Längen läuft, ist für deren Reinigung völlig ausreichend.

Hände führen sanfte Massagebewegungen auf der Kopfhaut aus

Eine fortgeschrittene Technik, besonders für Anwender von Stylingprodukten, Ölen oder bei sehr hartem Wasser, ist die Doppelte Haarwäsche (Double Cleansing):

  • Erster Durchgang: Verwenden Sie eine kleine Menge Shampoo, um oberflächlichen Schmutz und Styling-Reste zu lösen. Schäumen Sie es kurz auf und spülen Sie es schnell aus.
  • Zweiter Durchgang: Nun, auf der vorgereinigten Kopfhaut, kann eine normale Menge Shampoo ihre volle Wirkung entfalten. Es wird besser schäumen und die Kopfhaut tiefenwirksam, aber sanft reinigen.

Schliessen Sie die Wäsche idealerweise mit einem Schwall kalten Wassers ab. Dies hilft, die Schuppenschicht des Haares zu versiegeln, was für mehr Glanz sorgt und die Kopfhaut beruhigt. Die richtige Waschtechnik ist keine Frage der Zeit, sondern der Achtsamkeit. Sie ist die Basis, auf der alle weiteren Pflegeschritte aufbauen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vergessen Sie starre „Haartypen“ und lernen Sie stattdessen, die dynamischen Bedürfnisse Ihres Haares (seinen „Zustand“) zu diagnostizieren.
  • Die wichtigsten Diagnose-Faktoren sind die Porosität (Aufnahmefähigkeit), die Balance zwischen Protein und Feuchtigkeit sowie der Zustand der Kopfhaut.
  • Externe Faktoren wie die Wasserhärte in Ihrer Region (Kalk-Effekt) haben einen massiven Einfluss und müssen in Ihrer Routine berücksichtigt werden.

Der bewusste Konsum im Bad: Ein Leitfaden für eine achtsame und kritische Produktwahl

Nachdem Sie gelernt haben, die Signale Ihres Haares zu entschlüsseln, besitzen Sie die Fähigkeit, zum bewussten Konsumenten zu werden. Sie sind nicht mehr auf vage Marketingversprechen angewiesen, sondern können die Wirksamkeit eines Produkts anhand seiner Inhaltsstoffe selbst bewerten. Dieses kritische Bewusstsein wächst in Deutschland stetig: Eine YouGov-Umfrage zeigt, dass mehr als jede zweite Frau (52 Prozent) bewusst auf Inhaltsstoffe achtet. Der Schlüssel zur Entschlüsselung liegt in der INCI-Liste.

Die wichtigste Regel hierbei ist die „Top 5“-Regel. Die Inhaltsstoffe auf der INCI-Liste sind in absteigender Reihenfolge ihrer Konzentration aufgeführt. Das bedeutet, die ersten fünf Zutaten machen den grössten Teil des Produkts aus (oft 80 % oder mehr) und bestimmen seine wahre Funktion. Ein Produkt, das mit „reichhaltigem Arganöl“ wirbt, dieses aber erst an zwanzigster Stelle nach Wasser, Alkohol und Silikonen listet, wird nicht die versprochene Wirkung haben. Ihre neue diagnostische Fähigkeit erlaubt es Ihnen, diese Diskrepanzen zu erkennen.

Wenn Ihr Haar einen diagnostizierten Feuchtigkeitsmangel hat, suchen Sie nach Produkten, bei denen feuchtigkeitsspendende Inhaltsstoffe wie Glycerin, Aloe Vera oder Panthenol unter den Top 5 stehen. Bei Proteinmangel sollten hydrolysierte Proteine (z.B. Hydrolyzed Wheat Protein) oder Keratin weit oben auf der Liste erscheinen. Dieser analytische Blick auf die INCI-Liste ist der letzte Schritt, um den Kreislauf der Fehlkäufe endgültig zu durchbrechen.

Ihr Plan zur Produktüberprüfung: Die INCI-Liste meistern

  1. Top 5 identifizieren: Nehmen Sie ein Produkt zur Hand und lesen Sie nur die ersten fünf Inhaltsstoffe. Worum handelt es sich hauptsächlich? Wasser, Alkohol, Tenside, Silikone?
  2. Funktion bestimmen: Vergleichen Sie diese Top 5 mit Ihrem diagnostizierten Haarbedürfnis. Passen die Hauptbestandteile zur benötigten Funktion (Feuchtigkeit, Protein, sanfte Reinigung)?
  3. Marketing-Check: Finden Sie den beworbenen „Wunder-Inhaltsstoff“ auf der Liste. Steht er weit hinten, ist seine Konzentration wahrscheinlich zu gering für eine signifikante Wirkung.
  4. Füllstoffe erkennen: Seien Sie kritisch, wenn ein als „reichhaltig“ beworbenes Produkt an erster Stelle „Aqua“ (Wasser) und an zweiter Stelle einen günstigen Füllstoff hat.
  5. Prioritäten setzen: Entscheiden Sie sich für Produkte, deren Hauptinhaltsstoffe Ihr Problem direkt adressieren, anstatt auf Produkte, die viele „gute“ Inhaltsstoffe in winzigen Mengen enthalten.

Ihre Reise vom frustrierten Käufer zum aufgeklärten Haar-Experten ist nun fast abgeschlossen. Es geht darum, die Prinzipien des bewussten Konsums zu verinnerlichen.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Haartagebuch zu führen und die Inhaltsstoffe Ihrer aktuellen Produkte kritisch zu prüfen. Dies ist der erste, aktive Schritt, um die Kontrolle über die Gesundheit Ihres Haares zurückzugewinnen und eine Pflegeroutine zu etablieren, die wirklich funktioniert.

Geschrieben von Michael Wolf, Michael Wolf ist ein Friseurmeister und Trichologe aus München, der seit über 15 Jahren einen Salon für anspruchsvolle Haarpflege und -probleme führt. Er ist Experte für die Diagnose und Behandlung spezifischer Haar- und Kopfhautbedürfnisse.